Am Zaun des Todes

In der US-mexikanischen Grenzwüste sind selbst Trump-Wähler gegen die Mauer. Sie fürchten, dass noch mehr Einwanderer sterben.

veröffentlicht am 14. Februar 2017 auf ZEIT ONLINE sowie auf dem ZEIT-Instagram-Account von Februar bis April 2017 >>

Wer Jim und Sue Chilten auf ihrer Ranch besucht, blickt zuerst in die Augen eines Berglöwen. Ein elegantes Tier, die Beine ausgestreckt wie im Sprung. Doch der Puma springt nicht mehr, er dekoriert das Foyer seiner Jäger. „Er hat uns Vieh im Wert von 20.000 Dollar gestohlen“, sagt Sue und lacht: „Das war sein Todesurteil.“

Jim and Sue Street, Arivaca, Arizona, zehn Meilen vor der mexikanischen Grenze. Hier gilt das Recht des Stärkeren und die Stärkeren sind im Zweifelsfall Jim und Sue Chilten. Auf einem Hügel inmitten ihrer 20.000-Hektar-Ranch haben sie sich ein Imperium errichtet. Durch enge Flure führen sie an Trophäen und Familienfotos vorbei: Hinter dem ausgestopften Berglöwen liegen antike Indianerwerkzeuge, die sie bei Bauarbeiten gefunden und behalten haben. An der Wand der Ururgroßvater, der aus Jims Sicht zu Zeiten lebte, „als hier noch die Apache Menschen abschlachteten.“ Der Flur führt in eine Rundhalle mit 18 Fenstern, von denen Jim und Sue die Wüste von Sonora in alle Richtungen überblicken – vom Baboquivari, dem heiligen Berg der Tohono O‘odham zu den Steppenfeuern von Three Points bis zur mexikanischen Grenze. Dorthin blicken die Chiltens mit besonderer Wachsamkeit.

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„Hoffentlich geht heute Abend alles gut! Der Stadtrat stimmt über eine Resolution ab, mit der ich den Bürgern versprechen will, dass unsere Polizei auch unter #trump keine Razzien gegen Einwanderer unternehmen wird. Doch mindestens ein Ratsmitglied ist dagegen“, erzählt Robert Uribe, Bürgermeister der Kleinstadt Douglas an der Grenze zu #mexico. Der 32-Jährige ist der jüngste Bürgermeister, den die Stadt je gewählt hat – und der einzige, der nicht in den #usa geboren ist: Als Sechsjähriger kam er aus der Dominikanischen Republik nach #newyork. „Ich kann die Einwanderer aus Zentralamerika so gut verstehen. Einmal bot mir meine Lehrerin eine Orange an und ich konnte nicht einmal ‚Thank you‘ sagen. Die Schule fiel mir unendlich schwer – dabei hatte meine Mutter uns doch hergebracht, damit wir mehr aus unserem Leben machten. An der Uni in #arizona verstand ich plötzlich, dass mir Bildung eine Stimme verleihen kann. Als meine Freunde aus New York hörten, dass ich als Bürgermeisterkandidat in #douglas antrete, verfolgten sie die Wahl mit mehr Interesse als den Wahlkampf zwischen #clinton und Trump. Doch unsere Stadt ist gespalten. Manche Menschen sagen: Warum mischt sich der Uribe ein, wenn er doch nicht mal Amerikaner ist? Und viele verwechseln den fleißigen Arbeiter Pedro mit Pedro, dem Drogenschmuggler. Seit Trump Präsident ist, erzählen mir viele Bewohner mit Migrationshintergrund, dass sie Angst haben – selbst, wenn sie legal hier sind. Doch ich muss diplomatisch vorgehen: Ich kann aus Douglas keine Stadt machen, die Einwanderer vor Abschiebung schützt; hier leben zu viele Grenzschutzbeamte, die dagegen wären. Doch die Resolution heute Abend könnte ein Schritt in diese Richtung werden.“ Am selben Abend ließ ein Ratsmitglied alle die Polizei betreffenden Passagen aus der Resolution streichen. Der Stadtrat stimmte zu – nur Robert Uribe hielt dagegen. #trump100 #100daysoftrump #borderlands #california #Kalifornien (? & Protokoll @chessocampo)

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„Die Migranten kommen – #trump hin oder her“, sagt Ordensschwester Alicia Guevara Perez, die im mexikanischen Heroica Nogales eine Suppenküche in Sichtweite der US-Grenze koordiniert. „Die meisten haben keinen Zugang zu Medien oder dem Internet; sie haben allenfalls gerüchteweise von dem neuen Präsidenten in den USA gehört. Ich bin im Süden Mexikos aufgewachsen. Dort habe ich so viel Armut gesehen, dass ich beschlossen habe, Sozialarbeit zu studieren und mein Leben den Ärmsten zu widmen. Bei uns kommen jeden Tag Dutzende Migranten an, die gerade die gefährliche Reise auf dem Bestia-Zug hinter sich haben oder von den US-Behörden abgeschoben wurden. Sie sind körperlich und geistig am Ende. Viele haben Blasen vom Laufen, Dornen von Kakteen und verletzte Fußgelenke, weil sie vom Grenzzaun heruntergesprungen sind. Ich versuche sie aufzumuntern, indem wir zusammen spielen und singen. Die Reise durch die Wüste ist lebensgefährlich, aber gegen das, was diese Leute in ihrer Heimat erlebt haben, ist es nichts.“ #trump100 #100daysoftrump #usa #mexico #refugeeswelcome #womensday (📷 & Protokoll: @chessocampo)

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„Vermutlich bin ich ein Hellseher. Viele US-Amerikaner konnten sich ja nicht vorstellen, dass Donald Trump Präsident wird. Ich hatte es von Anfang an im Gefühl“, sagt Wenceslao Hernández Hernández. Während des Wahlkampfs malte er in der Migrantenunterkunft von Agua Prieta ein Wandgemälde im Stil des mexikanischen Malers Diego Rivera – mit Trump als Bösewicht. „Ich widme es den anderen Migranten, die hier vorbeikommen, denn es zeigt unser Leben: links unsere indigenen Wurzeln, unsere Kindheit und die Feldarbeit; dann die Reise, auf der sich viele auf ihren Glauben verlassen – deshalb habe ich die Hände der Gottesmutter Maria gemalt; rechts dann Trump und ein Grenzbeamter mit einem toten Migranten. Ich wollte über die Grenze, um bei meiner Freundin zu sein. Sie kam als Touristin in meine Heimatstadt Guadalajara und wir haben uns verliebt. Deshalb zogen wir beide an die Grenze, sie von Washington nach Tucson und ich – naja, ich bin nur bis Agua Prieta gekommen. Ich kann den Grenzzaun von hier aus sehen, aber ich habe schreckliche Geschichten über die Wüstenquerung gehört. Einmal habe ich mein Leben schon riskiert, auf dem Weg von Honduras nach Nordmexiko, jetzt reicht es mir! Meine Freundin und ich haben ein Baby, die beiden kommen mich fast jeden Tag besuchen. Wenn ich sie heiraten würde, könnte ich legal einwandern. Aber ich habe keine Lust, unter Trump in den USA zu leben und in irgendeiner Fabrik zu arbeiten. In Italien Kunst studieren, an den Geburtsstätten der Renaissance – das wäre was!“ #trump100 #100DaysOfTrump #borderland #mexico #tucson #arizona #aquaprieta #usa (📷 & Protokoll: @chessocampo)

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„Wie viele Tausend Migranten müssen auf der Wüstenroute in die USA noch sterben, bis wir etwas unternehmen?“ fragt Álvaro Enciso, Künstler und Ethnologe aus #Tucson, #Arizona. Mit Freiwilligen aus aller Welt stellt der 71-Jährige jede Woche selbst gestaltete Kreuze an den Stellen auf, an denen Tote gefunden wurden. „Donald Trump rückt den amerikanischen Traum für viele in noch größere Ferne. Wir müssen diese vier Jahre irgendwie überstehen – und dann eine umfassende Einwanderungsreform verabschieden, die den Armen und Verzweifelten in Zentralamerika die Möglichkeit gibt, legal in den USA zu arbeiten. Dann müsste niemand mehr die lebensgefährliche Reise durch die Wüste unternehmen. Seit 1998 sind laut der #BorderPatrol knapp 7.000 Menschen auf dem Weg in die USA gestorben, aber kaum ein Amerikaner ist sich dessen bewusst. Ich will allen zeigen, was aus der paradiesisch schönen Sonora-Wüste geworden ist: ein gigantischer Friedhof. Wenn ich ein Kreuz für Herrn oder Frau Unbekannt aufstelle, sind meine Helfer manchmal enttäuscht; dabei sind diese Fälle noch trauriger, weil sie nicht zu identifizieren waren und irgendwo eine Familie noch immer wartet. Nebenbei hinterlassen wir Wasserkanister für die Migranten, um weitere Tode zu verhindern – bei den Temperaturen da draußen wäre alles andere unmoralisch. Als ich in den sechziger Jahren aus Kolumbien in die USA gekommen bin, wurde mir nichts geschenkt; mein Studium habe ich mir als Vietnam-Soldat und Taxifahrer verdient. Aber ich hatte eine Chance – die wird den Einwanderern heute verwehrt.“ #alvaroenciso #tucsonart #border #undocumented #honoringthedead #migranttrail #sonorandesert #southernarizona #americandream #borderland #trump100 #100daysoftrump ( 📸 und Protokoll von @chessocampo /Christina Felschen)

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„Das Leben im Grenzgebiet ist ein Alptraum – mit Trumps Mauer würde die Überwachung noch schlimmer“, sagt die Gärtnerin Carlota Wray, 61, die seit Jahrzehnten in einem der Dörfer nahe der mexikanischen Grenze lebt. „Die Border Patrol hat 2008 einen Checkpoint und einen Wachturm vor unserem Dorf errichtet; seither müssen wir uns jedes Mal ausweisen, wenn wir Einkaufen oder zur Schule fahren. Wenn ich nachts höre, wie der Hubschrauber tief über die Wüste fliegt, kann ich nicht mehr schlafen. Die Migranten sind Menschen wie du und ich, die sich in den USA ein besseres Leben versprechen – vor Jahrzehnten war mein Vater einer von ihnen. Aber nicht alle im Dorf denken wie ich. Seit der Wahl haben sich die Fronten verhärtet; einige Nachbarn reden nicht mehr miteinander.“ #trump100 #100daysoftrump #trumpprotest #Arizona #Sonora #nomoredeaths #borderland #mexico #mexico #Trump #usa (📷 und Protokoll von @chessocampo / Christina Felschen)

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„Ich bin ein Cowboy, kein Schwächling! Trotzdem gehe ich ohne Gewehr nicht aus dem Haus, wenn mal wieder Fremde über unser Grundstück laufen“, sagt Jim Chilten. Der 77-Jährige betreibt zusammen mit seiner Frau Sue eine 20.000-Hektar-Ranch in Arizona, die nur durch einen Viehzaun von Mexiko abgegrenzt ist. „Es gab Zeiten, da liefen 30.000 Menschen im Jahr über unsere Ranch, heute sind es immer noch mehrere Tausend. Darunter sind sicher viele gute Leute, die nur Arbeit finden wollen. Aber wie sollen wir die von den bewaffneten Drogenkurieren unterscheiden? Das Sinaloa-Kartell kontrolliert inzwischen beide Seiten der Grenze, ihre Späher sitzen in den Hügeln und informieren die Schmuggler, wo die Luft gerade rein ist. Tja, und meistens ist der Weg bei uns frei, weil hier die Border Patrol befestigter Straßen nicht herkommt. Sie lassen uns im Niemandsland allein! Einmal sind Drogenkuriere bei uns eingebrochen und haben ein Dutzend Waffen gestohlen – sie ahnten wohl, dass die bei uns in jedem Raum stehen. Früher sind wir gern nach Mexiko gefahren, meine Frau ist Spanischlehrerin und wir mögen die Kultur. Aber seit wir uns im US-Kongress gegen die Kartelle ausgesprochen haben, trauen wir uns nicht mehr. Wir haben Trump gewählt, weil wir uns eine bessere Grenzschutzstrategie wünschen. Klar, dann wären wir umgeben von Kameras und Helikoptern, aber das stört uns nicht.“ #trump100 #100daysoftrump #arizona #borderland #mexiko #usa #trump #safety #arivaca (📷 & Protokoll: @chessocampo)

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