Was wäre, wenn…

Nach einer Recherche über Armut in den USA bin ich zurück aus Stockton im Central Valley – und durchaus ein wenig erschüttert. Unter einer Brücke und auf einem Parkplatz habe ich unter anderem zwei weiße Frauen getroffen, eine obdachlos, die andere nur einen Schritt davon entfernt, die mir nicht aus dem Kopf gehen. Ich habe mich selbst in ihnen gesehen, in einer parallelen Realität: Was wäre, wenn meine Eltern – Kinder von Kleinbauern – nicht in Europa, sondern in den USA aufgewachsen wären?

In Deutschland und anderen europäischen Sozialstaaten – „socialist countries“ wie sie hier in den USA (reichlich übertrieben) sagen – ist Aufstieg innerhalb einer Generation möglich. Mein Vater hat es mithilfe von Bafög und Waisenrente, Beharrlicheit und Wissensdurst, mit täglichem Trampen zum weit entfernten Gymnasium, Erntearbeit am Abend und Hausaufgaben in der Nacht, ja, schließlich mit billigen Wohnheimmieten und Mensaessen vom armen Bauernjungen zum Mitinhaber einer Ingenieursfirma gebracht. Katharina und ich dringen in für unsere Familie völlig extravagante Berufsfelder vor, weil unsere humanistische Schule und die Nähe des Ruhrgebiets mit seinen Bühnen und Radiosendern uns suggeriert haben, dass die Welt uns offen steht. Und Andy geht mal eben von Ostdeutschland nach Stanford, nachdem er in Skandinavien studiert und gearbeitet hat – der EU-Freizügigkeit sei Dank. Was uns an früh erlerntem Habitus fehlt, müssen wir zwar mit sehr viel Beharrlichkeit wettmachen, aber Aufstieg ist möglich.

Die USA sind unbarmherziger. Dort wären wir wohl immer noch, wie unsere Großeltern damals, weiße Unterschicht. Ohne nennenswerte Hilfe vom Staat im entscheidenden Zeitpunkt, Zugang zu guten Schulen und Unis wären wir auch innerhalb von zwei Generationen bloß vom Hof in den Trailer gekommen, aber nicht weiter. Und anders als meinen Großeltern wäre uns unser Status in den USA jederzeit bewusst: Während über meine Eltern höchstens mal die Mitschüler lachten, weil sie Hochdeutsch erst lernen mussten und weil sie Schuhe von den großen Geschwistern auftrugen, die auf dem Schulweg über Felder dreckig wurden – während sich der Spott also in Grenzen hielt, müssten wir in den USA als scheinbares Paradoxon herhalten: White Trash, verachtet von der weißen Mittelschicht, verspottet von Afroamerikanern und Latinos, weil unser Amerikanischer Traum eine Fatamorgana geblieben wäre – und das trotz des Privilegs weiß zu sein. Und im schlimmsten Fall würden wir die Verachtung zurückgeben, mit einem Kreuz bei Trump und seinem Gedankengut – anstatt gemeinsam dieses System zu reformieren, das Armut weitergibt: von der Mutter an die Tochter an die Enkelin.