Die Stille der neun Millionen

Tokyo taucht an der Oberfläche auf, wir in sie ein – eine Stadt in weiß und gelb. Allererste Eindrücke und wie sie sich sogleich wieder verflüchtigen.

5. Dezember 2012, 6 Uhr Ortszeit, gefühlt 14 Uhr – kalifornische Zeit

Tokyo taucht an der Oberfläche auf, wir in sie ein – eine Stadt in weiß und gelb, Bürohäuser und Sonnenaufgang. Wir, das bin vielmehr bloß ich. Denn die Metro ist fast leer, obwohl mich ringsum Gesichter anstarren, Werbegesichter, flirrend bunt. Aberdutzende winzige Haltegriffe schwingen in Erwartung der Rush-Hour mechanisch hin und her. Zumindest jetzt, um kurz nach sechs, sind die Mienen der Mitfahrer frostig und übermüdet, tief die Augenringe. Nur die Werbemenschen an den Wänden tragen bunt und ein Lächeln. Diese hier schweigen, dösen, verstecken sich hinter Zeitungen und Atemmasken. Einmal meine ich einen Straßenmusiker zu hören, doch es ist die Bahn selbst, die eine elektronische Melodie von sich gibt. Sonst Schweigen. Nur ein Schüler – wie alle in steifer marineblauer Uniform, wie rennt man darin eigentlich? – schaut munter in die Runde, doch als kein Blick antwortet, vertieft er sich wieder in die Lektüre seines Schulheftes. Um so mehr überrascht es mich, als mich plötzlich jemand anspricht: „Looook, you can you see Mount Fuji over there!“ Der ehrwürdige Geschäftsmann neben mir ist zum Leben erwacht. Gerade noch hat er mir mit einer vagen Wischbewegung auf der Karte den Weg gewiesen, mürrisch wie ich glaubte – jetzt lachen wir zusammen und suchen nach Fuji-san, der hin und wieder für ein paar Millisekunden zwischen den Häusern auftaucht.