Zwei Stunden Freiheit

Die Radiosendung „Strafzeit“ gibt Häftlingen und Angehörigen eine Stimme – und schafft für kurze Zeit die Illusion einer heilen Welt

veröffentlicht im Magazin Einsichten der Evangelischen Journalistenschule und als Radiofeature im Programm der Deutschen Welle, 25. Mai 2010 >>

Die Wand schweigt, Leon Rosenbach* schweigt zurück. Nicht einmal der kleine Spiegel kann ihn locken – der Spiegel, den er zwischen die Gitterstäbe gesteckt hat, um mit seinem Nachbarn zu kommunizieren. Ein fremdes Auge und eine halbe Nase sieht er da, das ist besser als die einsamgraue Wand. 23 Stunden am Tag soll er bereuen, eine Stunde ist er im Hof.

Aber Rosenbach bereut nichts, nicht die Entführung, für die er bereits gesessen hat, nicht die Erpressung, die er abgebüßt hat, nicht den Heroinrausch, für den er jetzt da ist. Er hatte immer seine Gründe. Die 18 Monate sind reine Routine. Und doch: Einen Moment lang fühlt er sich müde. Knastmüde. Nur seine Gedanken sind frei, beängstigend frei. Zwischen den Gitterstäben, knapp über der Mauer, kann er hell erleuchtete Fenster sehen; irgendwo da draußen sitzt auch Kerstin, seine Frau. Drei Monate hat er sie nicht gesehen, nur zwei Mal ein Bündel Briefe erhalten, vom Richter gehortet und bis ins Detail inspiziert. Vor drei Monaten ist sie mit einem schlimmen Abszess ins Krankenhaus gekommen. Ob sie überhaupt noch lebt?

Eine Frauenstimme reißt ihn aus seinen Gedanken: „Strrrrafzeit!“ schmettert sie in den Hof, begleitet vom Rauschen eines Transistorradios. Hinter den Fenstern werden Schatten sichtbar. Nur wenige hier drinnen besitzen ein Radio, immerhin kostet es einen vollen Monatslohn plus GEZ-Gebühren. Doch drei Geräte reichen, um den ganzen Hof zu beschallen. Rosenbach kann jetzt zeigen, was er hat. Es ist 18 Uhr, er platziert sein Radio in der Fensteröffnung und dreht den Lautstärkeregler voll auf: „Das Knastmagazin von drrraußen nach drrrinnen und von drrrinnen nach drrraußen!“

Die Lili Marleen der JVA
Die Frauenstimme, die das „R“ so schön fränkisch in den Hof hineinrollt, gehört Ruth Reiniger*. Sie sitzt keine vier Kilometer von Leon Rosenbach entfernt in einer anderen grauen Zelle: dem Live-Studio des alternativen Radio Z, das seit 20 Jahren jeden Sonntagabend ein Knastmagazin aus dem Nürnberger Hinterhaus sendet. Reiniger ist eine der vielen Frauen im Bannkreis der JVA. Als Pfarrerstochter ist sie in der Stadtmission aufgewachsen, wollte später „irgendwas Soziales machen“, verirrte sich in die Verwaltung der Diakonie und fand den Weg in die „Strafzeit“.

Im Studio ist sie die Liebesbotin, die den postalischen, elektronischen und telefonischen Grüßen zwischen drinnen und draußen ihre verheißungsvolle Stimme verleiht. Zehn Briefe liegen ausgebreitet vor ihr auf dem Tisch, daneben sieben E-Mails: Auf die langatmigen, wunderbar anachronistischen, handgeschriebenen Botschaften der Häftlinge antworten die Angehörigen mit elektronischen Dreizeilern.
Die rote Lampe leuchtet und Ruth Reiniger greift zum Brief von Vielschreiber Leon, der kaum zum Punkt kommt aus Sorge um seine Frau. Manche Sätze brechen mittendrin ab, um wieder und wieder zu schmeicheln. „Wenn ich an Dich denke, kriege ich Herzschmerzen und gleichzeitig Schmetterlinge im Bauch. Ich stehe am Fenster und lasse meine Gedanken zu Dir schweben.“

Ruth Reiniger hangelt sich durch endlose Lockrufe, die Rosenbach in alle Richtungen auswirft nach seiner stummen Frau. Dazwischen lobt er die „coolste Redaktion der Welt“. Reiniger lacht und neckt den unbekannten Briefeschreiber: „Hey Leon, danke für die Blumen! Aber Deine Schrift könnte besser werden!“ Die Lampe verlischt, ihr Lächeln nicht. Sie ist die Stimme im Gefängnishof, die Lili Marleen der JVA, heute Nacht fliegen ihr 1.100 Herzen zu.

Die „Strafzeit“ ist Kult, draußen wie drinnen. „Keine unserer 86 Sendungen bekommt so viel Fanpost wie diese“, sagt Radio Z-Geschäftsführerin Syl. Dabei bricht die Zellenwelle sämtliche journalistische Tabus: Mal kommen die Moderatoren zu spät in die Sendung, mal vergessen die Techniker, wo der Regler ist. Die Studiogäste sind voller Überraschungen und die Briefe voller Floskeln. Doch gerade dafür lieben die Nürnberger ihre „Strafzeit“; sie hören nicht zu, sie fiebern mit: Wird Leon seine Kerstin wiedersehen? Und was wird aus „Strafzeit“-Maskottchen „Bomber“ nach seiner Entlassung?

Relikt der anarchischen Achtziger
Eine aber fiebert ganz besonders: Nie ist sich Syl ihrer Verantwortung so bewusst wie montagmorgens, wenn sie die Sendung vom Vorabend im Archiv nachhört. Irgendein Problem gibt es immer: Anfang Dezember wankte ein frisch entlassener Häftling volltrunken in die Sendung und schimpfte über einen Gefängnisbediensteten. Der Redakteur im Studio war zu geistesabwesend, um die Musik hochzuziehen. Der Sender gab ihm vier Monate Sendeverbot „auf Bewährung“ und die „Strafzeit“ bekam ihre „aller-allerletzte Chance“. Die „allerletzte Warnung“ hatte es zuvor gegeben, als diese junge Frau… Nun ja. Moderatorin Ruth Reiniger hat für solche Geschichten ein nachsichtiges Lächeln übrig: „Viele Angehörige sind Youngster, junge Gangster. Die kennen die ‚Strafzeit‘ selbst von draußen und von drinnen.“

Das Radio mit dem schwarzen Zorro-„Z“ will seit seiner Gründung eine Gegenöffentlichkeit zur konservativen fränkischen Medienlandschaft sein. Doch zugleich hat sich das Selbstverständnis des größten deutschen Community-Radios gewandelt: Der frühere Autonomenfunk versteht sich längst als journalistisch ausgewogenes Vollprogramm. Nur die „Strafzeit“ hat diesen Wandel nicht mitgemacht; sie klingt wie ein Relikt aus der anarchischen Anfangszeit. „Manchmal frage ich mich, ob wir nicht einen Sozialarbeiter in die Sendung setzen sollten“, sagt Syl und drückt ihre Zigarette aus. „Dann würde all das nicht mehr passieren.“ Aber wer würde es dann noch einschalten, das gezähmte Programm?

Die „Strafzeit“ ist mittlerweile ein Unikum in der deutschen Medienlandschaft: Das knastinterne Radio der Jugendanstalt Hameln musste 2007 aus finanziellen Gründen aufgeben und das Monatsmagazin „Gitterton“ bietet bloß kreuzbrave Veranstaltungsberichte rund ums Frauengefängnis Vechta-Hildesheim.

Bärchenbriefe für die Bräute
Es klingelt an der Studiotür. Bianca Sedlmayr* kommt jeden Sonntagabend mit dem Zug nach Nürnberg – anderthalb Stunden Fahrt für einen zweiminütigen Auftritt in der Sendung. Das macht sie seit über zehn Jahren, erst für den Mann, der später mit dem Messer auf sie einstach, jetzt für Marius, den sie letzten Herbst im Knast geheiratet hat: „Ich stand im Brautkleid vor dem Gefängnistor – Ihr hättet das Gesicht des Wärters sehen sollen!“ Jetzt sieht sie nicht mehr nach Braut aus, eher wie ein weiblicher Bodyguard: schwarz die Kleidung, wuchtig die Gestalt. Neben ihr im Sofa versinkt ein schweigsamer junger Mann, der ihr Bruder sein könnte. Bianca lacht, es soll fröhlich klingen, doch es klingt schrill.

„Christian ist mein Sohn.“ Zwölf Jahre alt war sie bei seiner Geburt, der Erzeuger 34. Das war der Anfang eines Lebens im freien Fall. Selbst Ruth Reiniger mit ihrer Stadtmissionskindheit ist beeindruckt, wenn Bianca kurzatmig und bruchstückhaft von früher erzählt: Ihre Geliebte mit 15 an einer Überdosis Heroin im Badezimmer gestorben. Die beiden Ex-Lover und ihr Mann in derselben Vollzuganstalt – der Messerstecher gleich gegenüber vom zur Zeit „besten Mann der Welt“.

„Ich muss Dir was sagen, Marius“, haucht Bianca kurz darauf ins Mikrophon und weicht zurück, als besinne sie sich: „Aber nicht in aller Öffentlichkeit. Besser beim Besuch morgen. Du wirst ziemlich traurig sein, ich bin es jetzt schon.“ Bianca weint jetzt auch noch um ihren alten Vater, der im Sterben liegt. Und Marius wird nach ihren dunklen Andeutungen wohl die ganze Nacht wach liegen und grübeln.

„Niemand von draußen kann sich vorstellen, was so eine Sendung den Jungs hier drin bedeutet“, sagt Pastoralreferent Andreas Lösslein, der vor zwei Jahren als Geistlicher in die JVA Nürnberg kam. „Die Gefangenen gehen auf dem Zahnfleisch, wenn sie nichts von ihrer Familie hören. Die ganze Woche fiebern sie auf den Sonntagabend hin.“ Er kennt den Psycho-Stress der Gefangenen, weiß, dass die Sozialhilfeempfänger mit ihren 25 Euro Taschengeld kaum bis zur Monatsmitte durchkommen und während des Hofgangs Zigarettenstummel vom Boden aufheben. Er sieht die Grausamkeiten, die sich im Inneren des Vollzugs zutragen: eine Vergewaltigung, zwei Suizide und ein Suizidversuch seit 2008.

In den Briefen der Inhaftierten steht davon nichts. Es ist wie ein unausgesprochenes Gesetz: Für die Dauer ihrer Haft erfinden sie sich eine heile Welt: „Meine Prinzessin, hier sitze ich also hinter Schloss und Riegel, wann kommst Du mich in meinem goldenen Schloss besuchen?“, schreibt Richard auf Bärchenbriefpapier. Seine Prinzessin kommt – doch erst einmal nur in die Sendung. Danielle Bertani* klimpert mit Augen und Ohrringen als wolle sie im Fernsehen auftreten. Hastig kritzelt sie Liebesgrüße in einen Spiralblock; sie hat es eilig zu ihrem Job in einer Spielhalle zurückzukommen. „Hey Mann/ hoffe Dir geht’s gut.“ Danielle zerbeißt ihre Sätze wie einen zähen Kaugummi. „Stell Dir vor/ Mann/ ich habe/ einen Modelvertrag/ bekommen/ und fahre/ nächste Woche/ nach Sizilien.“ Während Danielle ins Mikro rappt, flattern ihre Fingerspitzen wie frierende Tauben: „Wäre schön/ Du könntest mitkommen./ Hey Mann/ die Grenzen sind offen./ Ich liebe Dich/ noch acht Monate/ mach‘s gut.“

Kalle Lammert* an der Technik verzieht das Gesicht. Er war selbst häufig genug eingesperrt, um zu ahnen, wie sich Danielles Geliebter im Augenblick fühlen muss. Sie stürmt und drängt, er sitzt und grübelt. Ihre Grenzen sind offen, seine Tür ist verriegelt. Sie hat die ganze Welt, er acht Quadratmeter.

Draußen vor dem Studio ist Danielles Aufregung in Ungeduld umgeschlagen: „Eigentlich hab ich gar keine Zeit; ich mach das nur, weil‘s für ihn so wichtig ist. Er will halt, dass alle Welt mitbekommt, was für eine tolle Braut da draußen auf ihn wartet.“ Seit ihr Verlobter im Knast sitzt, schläft ihre Hündin im Bett neben ihr. Deren neu geborene Welpen nennt sie „meine Babys“. In der „Strafzeit“ hat sie die Tage bis zum Wiedersehen mit ihrem Verlobten laut rückwärts gezählt. Doch für Tag Null kann sie nichts garantieren.

* Namen von der Redaktion geändert