Verrückt vor Sorge – Syrische Männer in Wadersloh

Sulyman ist wütend. Wütend auf sich selbst, weil er nichts tun kann als „schlafen, essen, trinken“ – in einem Haus mit 40 anderen Männern voller Sorgen. Und wütend auf die Behörden. Sechs Monate sind seit seinem Asylantrag verstrichen; sechs Monate, in denen seine Frau und seine kleinen Kinder zwischen den Fronten ausharren und auf ein Visum zur Familienzusammenführung warten. Was, wenn der Krieg schneller ist als die Behörden?

Teil der Fotoausstellung “…und plötzlich diese Stille”, ab 20. April 2016 im Rathaus Wadersloh >>

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Schon seit zehn Tagen hat Sulyman*, 35, nichts mehr von seiner Frau und seinen Kindern gehört. Im Norden Syriens, wo sie leben, wurde mal wieder das Netz gekappt. Die letzten Nachrichten waren zum Haareraufen: Vier Granaten in einer Woche, die Bewohner gefangen in ihren Häusern, jeden konnte es treffen. Wasser und Essen werde knapp, hatte seine Frau erzählt, und vor der Stadt hatte die IS-Miliz Stellung bezogen.

Sulymans tonlose Stimme eilt der Dolmetscherin voraus; seine Haltung, seine müden Augen sprechen Bände. „Ich kann mich zu nichts mehr aufraffen“, übersetzt sie. „Fußball, Fitnessstudio – auf all die Sachen, die mir sonst Spaß machen, habe ich überhaupt keine Lust mehr. Ich kann an nichts anderes mehr denken als an meine Frau und meine Kinder.“

Er zeigt uns ein Foto auf seinem Handy: ein gutaussehender junger Mann umringt von vier strahlenden Kindern. Derselbe Sulyman in einem anderen Leben.

Wie gerne hätte er sie mitgenommen! Sie haben es versucht, zwei Mal. Und zwei Mal schickte die ungarische Polizei sie kurz vor dem Ziel zurück. „Wir sind vier Stunden ohne Unterlass gerannt, über Stock und Stein“, erinnert sich Sulyman. Seine jüngsten Töchter waren damals erst drei und vier Jahre alt. „Einmal haben sie die Polizeihunde auf uns angesetzt bis sie uns in unseren Verstecken aufspürten.“ Beim letzten Mal verprügelten die Polizisten die Familie.

Sulymans Kinder können sich nur an den Krieg erinnern, fünf lange Jahre. Die Ältesten wären jetzt in der 2. und 3. Klasse, aber sie konnten nicht einmal eingeschult werden. Das Haus der Familie wurde schon vor drei Jahren zerstört; seither wohnen sie mit seinen Eltern zur Miete. Weil überall Kämpfe toben, muss Sulyman seine Schneiderwerkstatt aufgeben. Sein Einkommen bricht weg, während sich die Lebensmittelpreise vervielfachen.

Schließlich geht Sulyman alleine. 3.500 Euro wird seine Flucht kosten; dafür verkauft er in Syrien seinen letzten Besitz: das Auto. Sobald er in Deutschland ankommt, wird er Geld schicken und die Familie auf sicherem Wege nachholen. Mit Visum und Flugticket. So weit der Plan.

Die Wirklichkeit führt ihn erst einmal über die Meerenge zwischen der Türkei und Griechenland. Ein Handyfoto zeigt ihn auf einem Schlauchboot, von dem nur die äußersten Ränder zu sehen sind. Dazwischen ist jeder Quadratzentimeter von Flüchtlingen besetzt – 47 hat Sulyman gezählt, darunter viele Kinder.

„Als wir aufs Meer hinausfuhren, wurde es dunkel und die Wellen schlugen unkontrolliert an das Boot“, erzählt Sulyman. „Wir hatten panische Angst. Ich dachte an die Meldungen über all die Schiffsunglücke und hatte den Tod vor Augen.“

Es gibt viele Fluchtgeschichten, die an dieser Stelle enden. Doch erzählt werden nur jene mit diesem rettenden Satz: Es ging noch einmal gut.

Flüchtlinge17Von Griechenland aus lief er einen Monat lang zu Fuß bis Österreich, ohne Gepäck. Als seine Füße in Serbien so geschwollen waren, dass er nicht mehr weiterlaufen konnte, behandelte das Rote Kreuz ihn. Er tauschte seine ausgetretenen Turnschuhe gegen neue aus und lief weiter. Alleine schaffte er es, den ungarischen Polizisten zu entkommen.

„Meine Töchter fragen am Telefon immer, wann ich endlich zurückkomme“, sagt Sulyman leise. Nur der Älteste fragt nicht mehr. Er hat er verstanden, dass Deutschland nicht in der nächsten Stadt liegt.

Doch Sulyman kann noch träumen. Er kann sich eine Zukunft in Deutschland ausmalen, sehr konkret sogar. Als Schneider werde er wieder arbeiten und seine Kinder zur Schule schicken. Ob sie bleiben oder zurückkehren, wenn der Krieg eines Tages vorbei ist, darüber werden seine Kinder entscheiden. „Sie werden“, sagt Sulyman. Nicht „würden“.

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Eine Jacke, eine Jeans, ein altes Handy, Unizeugnisse und ein Rucksack. Mehr ist Osama* nicht geblieben von seinem alten Leben. Dies und die Albträume.

Vor allem um diesen einen Tag kreisen seine Gedanken. 2013 an der Universität von D.*: Osama und seine Kommilitonen wollten gerade mit einer Demonstration für die Freiheit beginnen, als das Militär vorfährt. Der 22-Jährige erinnert sich an Schüsse in die Luft, Schläge mit Gewehrkolben und seine überstürzte Flucht. Die Soldaten fanden ihn nicht, doch sie verhafteten viele seiner Kommilitonen, darunter seinen besten Freund. Monate später wurde sein Freund aus dem Gefängnis entlassen – nur, um gleich darauf an seinen Folterverletzungen zu sterben.

Die Stadt D. im Süden Syriens ist dem Regime ein Dorn im Auge, seit dort zeitgleich mit dem Arabischen Frühling 2011 die Revolution startete, die zum Bürgerkrieg führte. Osama flog von der Universität, weil er sich als Freiwilliger für eine UN-Organisation engagierte, die Kindern in syrischen Dörfern ohne Schulen das Lesen beibringt. Der Unileitung galt das als verdächtig; als er sich beschweren wollte, nahm man ihm Geld und Handy ab.

Er borgte sich 2.800 Euro für seine Flucht. Sie führt ihn im LKW durch die Türkei führte, mit einem nie getesteten Schlauchboot und einem ahnungslosen „Kapitän“ über die Ägäis, im Tiertransporter durch Griechenland und weiter von Zeltlager zu Zeltlager über den Balkan. Seine Freundin konnte die Summe nicht aufbringen und blieb zurück.

In Deutschland will Osama sein Studium des internationalen Rechts wieder aufnehmen. Um Politiker zu werden und es eines Tages besser zu machen als Assad.

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Die Stimmen der Männer hallen von den Wänden der kargen Küche wider. Ihre Aufregung klingt so noch aufgeregter, ihre Vorwürfe noch vorwurfsvoller. „Khamsa“, verstehe ich und „seta“ – „fünf“ und „sechs“. Immer mehr Männer kommen in die Küche und erzählen, wie viele Monate sie schon auf den zweiten Schritt im Asylverfahren warten: die Einladung zum Interview.

Sulyman ist ein großer Deutschland-Fan. Vier seiner Onkel leben seit Jahrzehnten hier und er beschäftigt sich schon seit langem mit dem Land – nichts ahnend, dass er sein Wissen einmal brauchen würde. Doch jetzt ist auch er verzweifelt und ein bisschen wütend.

Flüchtlinge18Wütend auf sich selbst, weil er nichts tun kann als „schlafen, essen, trinken“ – in einem Haus mit 40 anderen Männern voller Sorgen. Und wütend auf die Behörden. Sechs Monate sind seit seinem Asylantrag verstrichen; sechs Monate, in denen seine Familie zwischen den Fronten ausharrt und auf ein Visum zur Familienzusammenführung wartet. Das gibt es aber erst, wenn der Asylantrag genehmigt wurde.

„Die Behörden geben schon Vollgas“, lenken die Wadersloher Paten ein, bemüht die aufgebrachten Männer zu beschwichtigen. Sulyman nickt, doch seiner Miene ist anzusehen, was er denkt: Und was, wenn der Krieg schneller ist als Eure Behörden?

Seit Tagen sind Internet und Telefonnetz in Syrien zusammengebrochen – und damit auch der Kontakt zu ihren Familien. Die ersten verfluchen ihre Entscheidung überhaupt geflohen zu sein. Denn ohne sie stehen ihre Familie in Syrien noch schlechter da. Ihr Plan sie gleich nachzuholen ist gescheitert.

Wir brauchen eine klare Ansage, wie lange das Asylverfahren noch dauert“, übersetzt die Dolmetscherin. „Dann können unsere Familien entscheiden, ob sie jetzt ins Schlauchboot steigen oder auf eine Zusammenführung warten.“

* Nachnamen und Orte wurden zum Schutz der Flüchtlinge und ihrer Familien weggelassen.

 

Fragen oder Kommentare? Hier bei Twitter: @chessocampo

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