Riraringelnatz

Vor 75 Jahren ist der Wortkünstler Ringelnatz gestorben. Seine Geschöpfe sind noch heute quicklebendig. Eine Erinnerung an den Querdenker und Tausendsassa, der sich von niemandem vereinnahmen ließ – schon gar nicht von den Nazis.

produziert im Oktober 2009 an der Ev. Journalistenschule in Berlin

Musik:
Martin Grubinger, Neue Musik

Ringelnatz:
Die Nacht war kalt und sternenklar,
da trieb im Meer bei Norderney
ein Suahelischnurrbarthaar –
die nächste Schiffsuhr wies auf drei.

Mir scheint da mancherlei nicht klar:
man fragt doch, wenn man Logik hat,
Was sucht ein Suahelihaar
denn nachts um drei am Kattegatt?

Sprecherin:
Ein Gedicht von Hans Gustav Bötticher, besser bekannt als – Ringelnatz (Verfremdung). Der Wortkünstler ist heute vor 75 Jahren gestorben. Doch seine Geschöpfe sind noch heute quicklebendig:

Ringelnatz (Cross-Fades, 2 Sprecher männlich, weiblich):
1. Es war ein Brikett, ein großes Genie,
Das Philosophie studierte
(ausblenden, 2. einblenden)
Und später selbst an der Akademie
Im gleichen Fache dozierte.
Es sprach zur versammelten Briketterie

2. Ein männlicher Briefmark erlebte
Was Schönes, bevor er klebte.
(ausblenden, 3. einblenden)
Er war von einer Prinzessin beleckt.
Da war die Liebe in ihm erweckt.

3. In Hamburg lebten zwei Ameisen,
Die wollten nach Australien reisen.
(ausblenden, 4. einblenden)
Bei Altona auf der Chaussee,
Da taten ihnen die Beine weh,

4. Aber es entrang sich ihm nichts.
Daddeldu war nicht auf die Wache zu bringen.
Daddeldu Duddel Kuttelmuttel, Katteldu
(ausblenden, 5. einblenden)
erwachte erstaunt und singend morgens um vier
Zwischen Nasenbluten und Pomm de Schwall auf der Pier.

5. Dann hing ich mich früh in ein Warenhaus
Und flederte nachts und mauste,
Daß es Herrn Silberstein grauste.
Denn Meterflaus, Fliedermus, Fledermaus —
(Es geht nicht mehr; mein Verstand läuft aus.)

Sprecherin:
Bötticher wird 1883 im wilhelminischen Deutschland geboren und macht früh Karriere: als schrulliger Sonderling, Querdenker und Querulant. Mit 14 Jahren bekommt er einen saftigen Eintrag ins Klassenbuch:

Lehrer:
(schreibt ins Klassenbuch) „Ein Schulrüpel ersten Ranges, aus lauter Ungezogenheiten zusammengesetzt. “ (klappt Buch zu) „Raus!“

Musik:
Martin Grubinger, Neue Musik

Sprecherin:
Da fliegt er, der Sohn aus gutem Hause, fliegt von seinem Leipziger Gymnasium.

Ringelnatz:
„Kinder, ihr müsst euch mehr zutraun, ihr lasst euch von Erwachsenen belügen und schlagen, denkt mal, fünf Kinder genügen, um eine Großmama zu verhaun.“

Musik:
Crossfade Grubinger/ Sandmännchen (drunterlassen)

Ringelnatz:
Lieber Gott mit Christussohn,
Ach schenk mir doch ein Grammophon.
Ich bin ein ungezognes Kind,
Weil meine Eltern Säufer sind.
Verzeih mir, daß ich gähne.
Beschütze mich in der Not,
Mach meine Eltern noch nicht tot
Und schenk der Oma Zähne.

Sprecherin:
Seine Empathie war grenzenlos. Seine Poesie schwebte nicht über allen Gipfeln, sondern klebte dicht am Boden: an den Fersen der Kinder, an einem stolzen Pflasterstein, zwei reisemüden Ameisen, einem rebellischen Taschenkrebs, einem verliebten Briefmark, an einem verirrten Suahelihaar (Crossfade Musik Sandmännchen/ Atmo Fledermäuse) und anderen Nachtgestalten:

Atmo:
Fledermäuse flattern und rufen

Ringelnatz:
Ich wollte, ich wär eine Fledermaus,
Eine ganz verluschte, verlauste…
Dann hing ich mich früh in ein Warenhaus
Und flederte nachts und mauste
(Musik ausblenden)

Sprecherin:
Ich wollt, ich wär. Bötticher war alles und nichts, eine flatterhafte Gestalt: Schlangenträger auf dem Hamburger Jahrmarkt, Bibliothekar in Riga, Schaufensterdekorateur, Tabakladenbesitzer, Gartenbauschüler, (ganz langsam ausblenden, Fledermaus-Atmo einblenden) Fremdenführer, Marineoffizier, Kabarettist, Plakatmaler, Rezitator, Archivar, Sekretär.

Atmo: Fledermäuse

Ringelnatz:
Denn Meterflaus, Fliedermus, Fledermaus —
(Es geht nicht mehr; mein Verstand läuft aus.)
Aus: Die Schnupftabaksdose – Stumpfsinn in Versen.

Sprecher:
Stumpfsinn mit Hintersinn. Wie die meisten deutschen Intellektuellen meldete er sich zu Beginn des 1. Weltkriegs freiwillig als Soldat. Geträumt hat er von Kriegseinsatz und Heldenruhm, gekämpft hat er nur gegen Langeweile und Fußpilz:

Ringelnatz:
Kein Feind, kein Schuß, kein Spion, kein Mord. Man wacht und gähnt und wünscht sich an Bord.

Sprecherin:
Das schrieb er ins Wachbuch seiner Kaserne. Er gilt als unpolitisch, doch er war ein großer Zeitsatiriker. Je größenwahnsinniger seine Zeit, desto banaler seine Helden, desto absurder seine Themen: er durchkreuzt die wilhelminische Ordnung und die faschistische Propaganda still und leise, mit Trippelschritten:

Gedicht:
In Hamburg lebten zwei Ameisen,
Die wollten nach Australien reisen.
Bei Altona auf der Chaussee
Da taten ihnen die Beine weh
Und da verzichteten sie weise
Dann auf den letzten Teil der Reise.

Sprecherin:
Bald darauf holen ihn die Nazis von der Bühne und verbrennen seine Bücher. Im November 1934 stirbt er mit nur 51 Jahren an Tuberkulose, er ist völlig verarmt.
Rühmkort:
Hoch sollst du leben, / großer kleiner, / bis in den letzten Nervenstrich spinnwebfeiner / unübersetzbarer Mann!“ – Peter Rühmkort –

Ringelnatz:
Ich bin etwas schief ins Leben gebaut.

Sprecherin:
Und schief ragt er bis heute auf in der deutschen Lyrik: eine Ausnahmeerscheinung, nicht zu übersetzen und in keine Stilrichtung einzuordnen. Niemand torkelte wie er zwischen Witz und Wehmut.

Musik: Grubinger

Ringelnatz:
In der Stratosphäre,
Links vom Eingang, führt ein Gang
(Wenn er nicht verschüttet wäre)
Sieben Kilometer lang
Bis ins Ungefähre.

Dort erkennt man weit und breit
Nichts. Denn dort herrscht Dunkelheit.
Wenn man da die Augen schließt
Und sich langsam selbst erschießt,

Dann erinnert man sich gern
An den deutschen Abendstern.