Hummus und Apfelkuchen – dicke Freundschaften in Liesborn-Göttingen

Als der Fliegeralarm losging, konnten sich Samer* und Gazi* gerade noch retten, bevor ihr Haus in Trümmern lag. Heute leben Vater und Sohn in Liesborn-Göttingen und fürchten um ihre Familie, die in Syrien zurückbleiben musste.

Teil der Fotoausstellung „…und plötzlich diese Stille“, ab 20. April 2016 im Rathaus Wadersloh >>

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M.*: Ich habe der Journalistin erzählt, dass Sie meine nette Nachbarin sind…

Oma Suermann: Ja, und Ihr seid meine lieben Freunde.

M.: …und dass Sie immer Apfel- bringen.

Oma Suermann: Apfelkuchen! Ja, der ist lecker, oder?

Die meisten Flüchtlinge, die heute in der Bauerschaft Liesborn-Göttingen zwischen Feldern und Naturschutzgebieten leben, kommen aus Damaskus, Aleppo und anderen Millionenstädten. Doch im kleinen Göttingen fühlen sie sich überraschend wohl. Wenn ihnen doch mal die Decke auf den Kopf fällt, radeln sie schnell nach Lippstadt, um mal wieder andere Menschen zu sehen. Doch sonst genießen sie die Stille.

Biologe M. sammelt am Bolzplatz Insekten und beobachtet die Auerochsen am Ufer der Lippe. Ingenieur Samer*, 50, sitzt bei Wind und Wetter am Ufer der Lippe und denkt an seine Frau und seine Töchter, die noch in Syrien sind. Sein Sohn Gazi*, 14, lernt jeden Tag fünf Stunden Deutsch bei Freiwilligen im Feuerwehrgerätehaus. Sobald ein Nachbar auftaucht, probiert er seine Sprachkenntnisse aus.

„Die Göttinger grüßen uns immer, auch wenn sie uns noch gar nicht kennen“, sagt M., jetzt doch wieder auf Englisch. „Sie wollen immer helfen, bringen uns Essen und sogar Bettwäsche von ihren erwachsenen Kindern.“

Er hat seine eigene Theorie, warum gerade die ältesten Einwohner so freundlich zu ihm sind. „Vielleicht, weil sie selbst unter dem Zweiten Weltkrieg gelitten haben. Jedenfalls scheinen sie uns zu verstehen, irgendwie.“

Flüchtlinge28_40 Männer und ein Junge aus sieben verschiedenen Ländern leben in der alten Schule von Liesborn-Göttingen zusammen. Und wie in einer richtigen WG bekochen sie sich gegenseitig, entziffern füreinander Behördenbriefe und verfeinern im Hof ihre Basketballtechnik.

Doch vor allem die Syrer diskutieren oft über Politik. Zu oft, meinen manche. Bei allen Diskussionen über politische Fragen – gibt es Rebellen, die Christen unterdrücken oder nicht? – können sie sich doch immer wieder auf ein Ideal einigen: Sie alle, Muslime und Christen, wollen friedlich miteinander leben. „Wir sind vor einem Krieg geflohen“, sagt Fadi. „Warum sollten wir einen neuen untereinander anzetteln?“

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Gazis 14. Geburtstag war ein besonderes Fest: Es war der Tag, an dem er seinen Vater wiedersah. In Hannover lagen sie sich in den Armen; schließlich konnte Gazi ihm nach Liesborn-Göttingen folgen.

Wie so viele syrische Männer war sein Vater Samer Anfang 2015 zunächst alleine geflohen – im Glauben, er könne seine Familie gefahrlos nachholen, sobald er in Europa sei. Doch sein Asylantrag wurde bis heute nicht angehört, geschweige denn genehmigt.

Unterdessen wurde es für seinen Sohn in Damaskus immer gefährlicher. „Ich ging weiterhin zur Schule und spielte, aber es war ein enormes Risiko“, sagt Gazi. Samer sorgte sich vor allem um die Milizen rund um die Hauptstadt, die ihren Lebensunterhalt mit Lösegeldern finanzieren. „Wenn die Familie eines entführten Kindes nicht zahlt, töten sie es.“

Daher entschieden Gazi und seine ältere Schwester alleine nachzukommen. Auf der Ägäis mussten sie zusehen, wie ein anderes Flüchtlingsboot sank. Sie konnten nichts tun; ihr Boot war zu überfüllt, um weitere Flüchtlinge an Bord zu nehmen.

Gazi ist das einzige Kind unter den Göttinger Flüchtlingen. Er vermisst seine Mutter und seine Schwestern, die in Damaskus zwischen Rebellen und Regierungsarmee eingeschlossen sind. „Wenn ich nicht bald erfahre, wie es um meinen Asylantrag steht, werde ich sie auf dem gleichen Weg nachholen, sobald es etwas wärmer wird“, sagt Samer. „Das hätten wir längst tun sollen.“

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Ein Foto auf seinem Handy zeigt eine Trümmerlandschaft, die einmal eine Straße gewesen sein muss. Ein mehrstöckiges Gebäudes ist noch zu erkennen, von einer Bombe halb zerrissen. Samer und Gazi zeigen auf ein Zimmer im dritten Stock; wir verstehen sie auch ohne Worte. Als der Fliegeralarm losging, konnten sie sich gerade noch in Sicherheit bringen. Doch die Nachbarschaft und die Erinnerungen sind für immer verloren.

Flüchtlinge22Samer hat sein ganzes Leben in Damaskus verbracht, ein halbes Jahrhundert. Er schließt das Trümmerfoto und öffnet eine Facebook-Gruppe, die Damaskus so zeigt wie es wohl nie wieder aussehen wird: Mit goldenen Dächern, barocken Verzierungen und lebhaften Märkten – eine der ältesten Städte der Welt. „Sie war das Paradies“, sagt er. „Wenn ich auf dem Berg Qāsiyūn stand und unter mir Damaskus glänzte mit seiner Altstadt, der Stadtmauer und der großen Moschee, war ich der glücklichste Mensch der Welt.“

Samer war Ingenieur in einer Textilfirma, seiner Familie ging es gut. Sie hatten zwei Wohnungen und ein Geschäft, heute steht keines der Gebäude mehr. „Bis vor wenigen Jahren hätte ich mir nicht vorstellen können, dass es bei uns einen Krieg geben könnte“, sagt er. „Als es anfing, dachte ich: Das ist das Ende, es wird nie wieder gut.“

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Muhammad*, 21: „Als mein bester Kumpel aus Kinderzeiten mir vor Jahren diesen Armreif gab, habe ich ihn zur Seite gelegt. Ich war nicht der Typ, der so etwas tragen würde. Bis zu dem Tag, an dem wir uns mal wieder zum Fußballspielen trafen. Nach dem Spiel hingen wir noch auf dem Platz herum und redeten wie meistens. Irgendwann habe ich mich verabschiedet – vermutlich musste ich etwas erledigen.

Fünfzehn Minuten nachdem ich gegangen war, wurde der Fußballplatz von einer Granate getroffen. Ein Granatsplitter verletzte meinen Freund so schwer, dass er starb. Am selben Abend habe ich den Armreif angelegt und nie wieder abgenommen.

Aus politischen Gründen* wurde es immer gefährlicher für meine Eltern und Geschwister, dass ich in der gleichen Stadt, im gleichen Land war. Irgendwann gab ich den Bitten meiner Mutter nach und verließ Syrien. Als Flüchtling in der Türkei hatte ich ein gutes Leben: Dass ich keine Papiere hatte, war kein Thema; ich bin nie danach gefragt worden. Noch in der ersten Woche fand ich einen Job als Schweißer; dreieinhalb Jahre lang habe ich Geländer und verzierte Gitter geschmiedet. Ich verdiente genug, um einen Teil meines Gehalts an meine Familie in Syrien zu schicken.

Doch vor der türkischen Parlamentswahl im Juni 2015 wurde ich unruhig. „Syrer raus!“ war der erste Kampagnenslogan der Oppositionspartei (Republikanische Volkspartei CHP). Aus Angst vor dem Wahlausgang floh ich nach Deutschland.

Wäre ich bloß in der Türkei geblieben! Die Oppositionspartei verlor die Wahlen und ich hätte in Ruhe weiterarbeiten können. In Deutschland habe ich auch nach einem halben Jahr noch kein Asyl bekommen, geschweige denn eine Arbeitsgenehmigung. Und untertauchen wie in der Türkei kann man hier schlecht. Als ich beim Amt fragte, ob ich in die Türkei zurückkehren könnte, sagten sie das sei ohne Pass unmöglich. Ich bin schockiert! Je mehr ich warte und nur herumhänge ohne etwas zu tun, desto mehr werde ich mich an dieses faule Leben gewöhnen. Und das will ich absolut nicht.“

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Das pinke Mädchenarmband und den Ring trägt Milad, 44, mit der größten Würde. Die Bänder erinnern ihn an seine kleine Nichte, die sie für ihn geflochten hat – als Glücksbringer für seine Flucht. Nur einmal legte er sie ab: Bevor er vom Schlauchboot ins Wasser sprang, um zu einer griechischen Insel zu schwimmen, wickelte er sie in Folie, damit sie nicht nass würden. Die Glücksbringer haben geholfen: Milad kam wohlbehalten in Liesborn-Göttingen an.
Zusammen mit Fadi, 45, den er in Göttingen kennengelernt hat, geht er jeden Sonntag zum Gottesdienst in die Göttinger Kapelle. Als Christen gehören sie in Syrien zu einer Minderheit. Während die Regierung und die meisten Rebellengruppe nicht zwischen Christen und Muslimen unterscheiden, gehen die erstarkten islamistischen Gruppen besonders hart gegen Christen vor.
„Der Krieg hat Misstrauen zwischen den Religionsgemeinschaften geschürt“, meint Fadi. Er lebte in J.*, einem Viertel von Damaskus. Als Islamisten von al-Nusra immer näher rückten, entschied er sich zu fliehen und seine Familie nachzuholen. Heute bereut er es, seine drei Kinder und seine Frau nicht gleich mitgenommen zu haben.
Fadi hat sein Handy immer zur Hand, es ist seine Luftbrücke nach Hause. Per Facebook und WhatsApp hält ihn seine Familie über die Lage auf dem Laufenden. „Es ist eine Katastrophe dort“, sagt Fadi. „Meine Familie hat kein Wasser und keinen Strom mehr, die Bomben fallen jetzt täglich. Erst waren wir nur der Puffer zwischen der Regierung und al-Nusra; jetzt kommen noch Luftangriffe aus dem Ausland hinzu.“ Gerade traf eine israelische Bombe ein Gebäude in der Nachbarschaft seiner Familie; angeblich soll sich dort ein Hisbollah-Führer aufgehalten haben.
Wenn er den 14-jährigen Gazi im Hof spielen sieht, kann er sich seine Kinder neben ihm vorstellen: den ehrgeizigen Großen, der IT-Ingenieur werden will, seinen Künstlersohn und seine kleine Tochter, die so gerne Ballett tanzt und Sprachen lernt. Hier könnten sie zur Schule gehen und das Kriegsende abwarten. Ja, und eines Tages wäre die Jüngste 18, der Krieg vorbei und er könnte nach Syrien zurückkehren, um all die Häuser wieder aufzubauen, die zerbombt wurden. Dann würde er sein Sommerhaus wiedersehen, die Tiere füttern und durch die Weinplantagen streifen. Und niemand würde ihn dabei stören.

* (Nach-)Namen und einige Details wurden zum Schutz der Flüchtlinge und ihrer Familien weggelassen.

Fragen oder Kommentare? Hier bei Twitter: @chessocampo

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