Abenteuer und Wilde Tiere vor der Haustür – oder:…

Mit dem Verwaltungsdickicht unserer Alma Mater nimmt es auch kein amazonischer Regenwald auf. Keine bolivianische Andenpiste war so staubig, dass die Aktenordnern unserer Verwaltung es nicht mit ihm aufnehmen könnten. Willkommen im Abenteuer!

… wie ich mich einmal für meine Magisterarbeit anmelden wollte

Warum in die Ferne schweifen, wo das Glück (oder Unglück) doch liegt so nah. Neun Jahre nach Humboldts Veröffentlichung seiner “Reise in die Äquinoktialgegenden des Neuen Kontinents” veröffentlicht der 27-jährige Franzose Xavier de Maistre den Bericht seiner “Voyage autour de ma chambre”, seiner “Reise durch sein Schlafzimmer”. Als Ethnologie-Studentin in G., vielleicht als Student im stiftungsuniviversitären Deutschland berhaupt, braucht man nicht weit zu gehen, um sich mitten im Labyrith des Minotaurus zu wähnen.
Mit dem Verwaltungsdickicht unserer Alma Mater nimmt es auch kein amazonischer Regenwald auf, nach ein paar Semestern in G. bin ich jedenfalls tiefer in unbekannte Weltengegenden vorgedrungen als nach 15.000 Buskilometern in Südamerika. Keine bolivianische Andenpiste war so staubig, dass die Aktenordnern unserer Verwaltung es nicht mit ihm aufnehmen könnten. Und auf einmal stehst Du ohne Plan auf den letzten unkartierten Flecken unseres Planeten. Willkommen im Abenteuer!

Heute morgen Reise nach Afrika. Gar nicht weit: Ethno-Bunker am Theaterplatz, geradeaus durch den Handzettelwald und hinein in die Höhle der Löwen. Hinter jeder Tür ein kleiner grauer Professor, dessen eigentliche Aufgabe darin zu bestehen scheint, abwesend zu sein: Die eine verschlossene Tür weist nach Ozeanien, die andere nach Westafrika, wieder eine auf die Trobriandinseln, Häuptling Thunderstorm-On-The-Prairie ist mit dem Stamm der Ethnologen verfeindet und regiert nun die Romanisten. BB, die nicht nur so aussieht wie Kleopatra sondern womöglich auch so alt ist, war schon fünf Jahre vor ihrer Rente nur noch ein selten hereinschwebender Geist, ein Name, der nie ohne das obligatorisch nachsichtig-geheimnisvolle Lächeln ausgesprochen wurde: ‘BB’ lässt sich nur mit diesem Lächeln sagen, das auch mal ins Spöttische gehen darf, so wie die Xhosa-Sprache nicht ohne den Schnalzlaut auskommt – vielleicht ist diese Übung in Gelassenheit und Toleranz die wichtigste des ersten Semesters. Weiß Allah, in welcher westafrikanischen Hütte sie inzwischen lebt und in welches Ahnenwesen sie sich einmal verwandeln wird. Steht nur fest: So abwesend wie BB ist keiner; sie wird unsere Scheine und die Antworten auf unsere Fragen, die gestellten und die ungestellten, noch mit ins Grab nehmen.
Am Eingang der Höhle begegne ich zwei modernen Massai. Ihren Speer haben sie gegen einen Kuli ausgetauscht, ihre Trance beziehen sie offensichtlich von einem Jet-Lag und die Kriegsbemalung vom Tattoo-Studio. Sie sind die Initianten, die auf die Aufnahme in diesen Ältestenrat warten, der in alle Winde verstreut ist – wer weiß, wie lange schon. Ganz am Ende des Ganges thront der Verwalter all dieser Ausreden – nennen wir ihn kurzerhand Herr Kurtz – der seit 20 Jahren einmal wöchentlich die gleiche Vorlesung hält. Da zeigt er dann oft stundenlang Dias, was sehr schön ist. Schön dunkel. Habe nie so gut geschlafen. Zu ihm will ich jetzt, von ihm nur eine Unterschrift für jede Menge andere Unterschriften, die ich dann bald in eine noch größere tausche und dann nach 100 Seiten Arbeit und ein paar Prüfungen in eine vorläufig letzte. So einen Tauschhandel müsste er doch verstehen, der Wirtschaftsethnologe. Ohne Tropenhut begrüsst er mich, weder teilnehmend noch beobachtend, sein Gesicht in der Farbe der Wand, eine ganz Amt gewordene Salzsäule. An den Wänden hängen Bilder aus Afrika – nein, Bilder aus Europa VON Afrika. Eine Karte, in die säuberlich Territorialgrenzen eingezeichnet sind, die es so nie gab. Mit Grenzen kennt er sich aus, der Mann. Wo er kann, setzt er sie gerne selbst. Meinen Wunsch und dessen Dringlichkeit gehört, dreht mir der Mächtige den Rücken zu und telefoniert mit seiner Sekretärin. Im Ton eines Kolonialverwaltung eröffnet er mir kurz darauf, ohne mich anzusehen: Nein, es werde wohl anders gehandhabt. Der abwesende Kollege ist für die Sichtung der Scheine in meiner Hand und die Unterschrift zuständig. Er könne das nur tun, wenn mein Lebensglück davon abhänge. Ich rede von Wohnzeitverlängerungsantrag, aber diese Wohnung scheint ihm kein ausreichendes Kriterium für mein Glück zu sein. Er werde das nicht tun, er könne ja einen Formfehler begehen…
Dass sein ‘Formfehler’ womöglich vielmehr darin bestand, eine Studentin kurz vorm Magister mit Termin und klarem Anliegen an einem sonst ereignislosen Tag abzuwimmeln, fällt diesem promovierten habilitierten Stammhalter gar nicht ein. Im Herausgehen sehe ich eine Wandseite voller Aktenordner: “Korrespondenzen 1.1979 – heute.” Würde mich nicht wundern, wenn sie alle leer sind…

Headerfoto: Madame, da haben wir uns aber in der Tür geirrt – und im Studienfach und im Kontinent. Kommen Sie nächstes Jahr wieder, aber nicht zu mir!

Comments

  • Nach 3 Wochen ohne Internet habe ich nun die Ehre, als Erste eine Reaktion auf deiner neuen Seite zu hinterlassen! Deine Abenteuer im Dschungel der Bürokratie sind einfach unglaublich und wüsste es nicht besser, ich hätte deine Geschichte für einen Reisebericht im tiefen Urwald fern der deutschen Heimat gehalten! Pole sana für diese scheinbar unüberwindlichen und nur mit viel Geduld zu

    die Verschollene, 17.04.0710. Mai 2008
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